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Aprilwetter und Berge – von Zagreb nach Freiburg


Als wir nach 8 Stunden Flug morgens um 7.00 Uhr in Amsterdam Schipol ankamen, war es tatsächlich so, wie wir es uns oftmals mit leichtem Frösteln und Gänsehaut vorgestellt hatten: Das ganze Gebäude mehr Shoppingmall als Flughafen; Angestellte schweben lautlos auf ihren Elektrocaddies an uns vorbei; überall geschäftiges Treiben, aber dennoch herrscht eine beklemmende Stille; draußen auf dem Vorplatz lässt sich Frischluft atmen wie auf dem Mt. Kenya, nirgendwo kann man deep fried chicken kaufen, oder Fische fürs Aquarium daheim, oder einen neuen Sack Holzkohle. Der Platz ist klinisch rein. Nur vereinzelt huschen Leute vom Bus ins Flughafengebäude, und umgekehrt. Es treibt uns bald in eine abgelegene Lounge, wo wir ungestört unseren Aufenthalt verschlafen können.
Da ist es dann in Zagreb doch schon weitaus angenehmer. Nicht nur, dass tatsächlich all unser Gepäck unbeschadet angekommen ist, auch sind die Leute, die auf ihre Lieben warten, alle für einen kleinen Scherz oder eine kurze Unterhaltung bei einer gemeinsamen Zigarette gut. Wir machen uns an die Montage unserer Räder, bringen sie bei der Gelegenheit noch etwas in Schuss und Packen so, dass es morgen zügig los gehen kann. Und eh wir´s uns versehen, geht es gegen 3.00 Uhr, während wir bei einem Ankunftsbier vor dem Flughafengebäude sitzen. Wir machen es uns in einer Ecke der Arrival Hall gemütlich und sinken als bald in tiefen Schlaf. Ungestört können wir diesen bis um 10.30 Uhr am nächsten Tag genießen.
Und genauso gemütlich geht es auch weiter, denn was uns bei der Durchfahrt durch Zagreb und vor allem auch in den vielen kleinen Dörfern besonders auffällt ist die schon fast etwas beängstigende Leere auf den Straßen. Der Verkehr besteht ausschließlich aus gewöhnlichen PKW; niemand, der seine Hühner auf den Mark trägt, oder ein paar neue Baustahlstangen hinter seinem Moped her nach hause schleift; keine Wasser,- Zigaretten,- oder Obstverkäufer, keine Horden von Schulkindern und keine Hirten, die ihre paar Ziegen nach hause treiben. Man kommt sich fast etwas verloren vor, wenn man so durch wie ausgestorbene Dörfer fährt, vorbei an stillstehenden Grillstationen und geschlossenen Postämtern. Aber trotzdem ist man hier nicht menschenscheu, sondern lässt uns bereitwillig in einem offenen Heuschober eine lausig kalte Nacht verbringen und weckt uns anderntags, als wir um 9.00 Uhr noch immer nicht aus den Federn gekrochen sind, sogar mit den Worten: „Wollt ihr Schnaps?“. Dankend lehnen wir ab und raffen uns langsam auf. Noch immer ist es bitter kalt und wir sehnen uns an die Adria. Aber bis dahin geht es noch einige Kilometer auf und ab. Mit dem Grenzübertritt nach Slowenien erreichen wir die Route, die wir von einer frühen Radtour bereits kennen. „Jetzt nur noch hier durch und dann noch einmal hoch, dann sehen wir die Adria und rollen nach Trieste nur noch runter!“ Doch mit unseren 70kg-Stahleseln dauert das alles ein wenig länger, als damals mit den wenig bepackten Rennrädern. Also dauert es noch einen weiteren Tag, bis wir in der wunderschönen norditalienischen Metropole Trieste einrollen. Und weil Trieste in der Tat eine wunderschöne Stadt ist und wir zudem eine Lektion in Sachen italienischer Gastfreundschaft bekommen, legen wir kurzer Hand eine kleine Pause ein, um mit Leonardo und Francesco, Giulia und Claudia und ihren Freunden ein wenig italienische Lebensart zu genießen.
Diese zelebrieren wir dann auch ausgiebig auf unserem Weg durch die Poebene in Richtung Alpen, wo uns ja noch etwas anderes erwartet: während unseres Aufenthaltes am Lago d'Iseo haben wir uns den Splügenpass als Ort der Alpenüberquerung ausgesucht. Es warten also ca. 2000 Höhenmeter auf guten 35 Kilometern Strecke auf uns. Durch eine einzigartige Bergkulisse mit einer Vielzahl von Galerien und kleinen Tunnels führt die Straße in engen Serpentinen aufwärts, vorbei an Schneefeldern und waghalsig auf Felsvorsprünge aufgepflanzten Dorfkirchen. Obwohl wir uns den Anstieg aufgeteilt hatten und die ersten ca. 700 Höhenmeter bei abendlichem Nieselregen bestritten, brauchen wir Tags darauf noch reichlich vier Stunden, bis wir auf 2113 m ü. NN Italien verlassen, um uns in das Schweizer Alpenrheintal zu stürzen.
Schon in den luftigen Höhen der Berge hatten wir einige Gleichgesinnte getroffen und mit dem ein oder anderen ein kurzes Schwätzchen gehalten – in jedem Fall aber den stolzen Radlergruß ausgetauscht, immer mit dieser leichten Arroganz und Erhabenheit gegenüber all den motorisierten Krachmachern in den Augen. Doch als wir den Bodensee schon förmlich riechen können geschieht etwas eigenartiges: ein Radlerehepaar, das gerade das leidige Schicksal mit uns teilt, bei regnerischem Frostwetter nach dem Weg fragen zu müssen, beachtet uns erst nach vehementem Zurufen; zehn Kilometer weiter sind Vater und Sohn ganz erschreckt und verschüchtert, als wir sie nach ihrem Ziel fragen! Was ist bloß los?, fragen wir uns. Sind die plötzlich von einer anderen Zunft? Aber die sehen doch eigentlich gar nicht anders aus als wir. Keine aerodynamischen Rennradflitzer und auch keine ganzkörperprotegierten Downhillfreaks. Doch spätestens als wir Deutschen Boden erreichen und entlang des Bodenseeufers nach Lindau fahren, begreifen wir was hier los ist: als Radler ist man hier kein Exot! Man sticht nicht aus der Masse hervor und muss dem Kollegen auch nicht aus Zugehörigkeit zur gleichen Geheimloge aufgeregt zuwinken. Wir sind in Deutschland, am Bodensee, genauer: auf der weltweit beliebtesten Radausflugsstrecke: dem Bodensee-Radwanderweg! Und wenn man hier unterwegs ist, kann man seine Kollegen tatsächlich nicht grüßen, sonst bekäme man die Hände nicht mehr an den Lenker! Wie schön umweltfreundlich die sich hier alle bewegen! Aber es ist auch ein Kampf auf diesem überbevölkerten Radweg und wir sind froh, als wir in Konstanz in Richtung Schwarzwald abbiegen.
Tja und dann plötzlich, von einem auf den anderen Tag – gestern noch im Bodensee gebadet – ist plötzlich Freiburg in Sicht. Wir erreichen bei einbrechender Dämmerung die Turnerhöhe und sehen die Sonne hinter den Vogesen verschwinden. Zeit für ein gepflegtes Barbeque. Ein letztes Mal schlagen wir unser Zelt auf, ein vorletztes Mal schlafen wir neben einander ein. Denn den letzten Tag wollen wir noch einmal so richtig vertrödeln. Nicht, dass man von St. Märgen nach Freiburg einen ganzen Tag bräuchte, aber es lässt sich durchaus so einrichten: Ausschlafen, gemütliches Frühstück, Baden, versuchen ohne zu treten von St. Märgen nach St. Peter zu kommen, Pilze sammeln, Bauernvesper als feierliches Abschlussmahl... und dann natürlich noch auf schmalen Waldwegen hoch auf den Roßkopf! Und hier oben, keine fünf Kilometer entfernt von Freiburg, mit Blick auf die vertraute Rheinebene und den Schwarzwald, hier ist doch ein schöner Platz, um noch eine letzte Nacht auf Reise zu verbringen!