Die letzten Tage in Sudan erlebten wir einmal mehr originale Truckerromantik. Beispielsweise mit einer Uebernachtung auf der Ladeflaeche eines Viehtransporters (gluecklicherweise ohne viehische Schlafgenossen). Im Morgengrauen rumpelte es dann irgendwann und unsere Schlafstadt setzte sich in Bewegung. Spaeter am Nachmittag konnten wir zwei äthiopische Trucker dafür gewinnen, uns mit in ihre Heimat zu nehmen. Alles schien geklärt, bis wir plötzlich von der Hauptstraße, die nach Metema, Äthiopien führt, nach Norden abbogen. Wir blieben erstmal ganz entspannt und holperten über Äcker und ausgefahrene Pisten Richtung Nord-Ost. Irgendwann, nach endlosem Rätseln, Karte-Studieren und wiederholten Beteuerungen unserer Fahrer, sie führen ganz sicher nach Äthiopien, nur halt nicht nach Metema, gaben wir uns geschlagen und glaubten ihnen einfach. Ein alternativer Grenzübergang wollte aber dennoch nicht auf unseren Karten erscheinen.
Doch einige Stunden später, es war längst dunkel, erhellte sich die Sache für uns. Wir hielten an einem Polizeiposten und mussten unsere Pässe zeigen. Anschließend wurde unsere Reise für heute für beendet erklärt – wir hatten keinen Ausreisestempel aus Sudan. Waren wir etwa schon in Äthiopien? Nein, unmöglich, unsere Arabischbrocken wurden durchaus verstanden! Die Grenze sei fünf Kilometer von hier entfernt. Aber wo bitte schön hätten wir denn offiziell ausreisen sollen? Offenbar waren wir an der Imigrationsbehörde im letzten Dorf vorbeigefahren und für unsere äthiopischen Freunde galten scheinbar andere Bestimmungen. Da half kein Bitten und kein Betteln, die beiden mussten ohne uns weiterfahren. Wir wurden in den Gästegemächern untergebracht und zu Dinner und Fernsehabend gebeten.
Am nächsten Tag nahmen wir dann herzlichen Abschied von Sudan. Wir wurden glücklicherweise nicht 100 km zurück nach Gedaref geschickt, sondern bekamen nach einer gemütlichen, bürokratischen Vormittagsprozedur endlich unsere Stempel. Für uns nur die Erlaubnis, aus Sudan ausreisen zu dürfen, für den Beamten das einschneidenste Erlebnis seiner bisherigen Laufbahn. (Er delegierte die Aufgabe des Passstempelns dann doch lieber an seinen Kollegen.)
Noch am Nachmittag erreichten wir Homera im Dreilaendereck Sudan, Eritrea, Äthiopien – also im äußersten Nord-Westen des Landes.
Die nächsten Wochen tauchten wir in die für uns völlig neue Kultur der Tigray ein. Wir bekamen dank der enormen Gastfreundlichkeit der Landbevölkerung einen guten Einblick in das tägliche Leben. Zwar versammelten wir immer eine riesige Kinderschar um uns, sobald wir irgendwo länger als eine Minute verweilten (und die Mittagspausen fielen bei der Hitze durchaus länger aus), aber selten flogen Steine und nie fühlten wir uns unangenehm bedrängt oder gar bedroht.
In Axum angekommen kurierten wir zunächst eine kleine Magenverstimmung aus und kamen durch den erzwungenen längeren Aufenthalt dort zu den ersten Interviews und Aufnahmen. Die Reise begann ihre grundlegende Wendung zu nehmen: weg vom bloßen Reisen und von Eindruck zu Eindruck radeln hin zum Business, zum Kontakte knüpfen, zu noch intensiverer gedanklicher Auseinandersetzung mit unserem Thema und und und. Da waren z.B. die beiden Maurermeister, die für die GTZ in Axum Engeneering Capacity Building betreiben; oder Weldesenbed, ein äthiopischer Wasserbauer, der für die äthiopische NGO REST im Bereich Wasserversorgung arbeitet.
Mit diesem neuen Reiseinhalt trampten und radelten wir über Mekele, Weldiya und Dese immer auf und ab durch das nördliche Hochland nach Addis Abeba. Besonderes Highlight war dabei das erneute Erklimmen des Hochlandes von der östlich vorgelagerten Ebene aus: von 1200 m NN auf 3200 m NN, auf 44 Streckenkilometern. Kaum mal ein paar Meter ohne Steigung, kein einziger Meter Gefälle. D.h. ununterbrochen Druck auf den Pedalen. - Das Ankunftsbier in dieser Höhe war ein wahrer Genuss!
Hier in der Hauptstadt des Landes treffen die Welten nun aufeinander. Jazzclubs, Restaurants und Cafés mit Namen wir „Parisienne“, oder „Beergardens Inn“, wo es Croissants und Bratwurst mit Sauerkraut gibt. Schafe, Ziegen und Kühe, die durch die Straßen getrieben werden. Parklandschaften mit Villen darin, von dessen Terrassen man auf die Wellblechviertel schauen kann. Äthiopische Highsociety, die in ihren überdimensionierten Geländewagen an Krüppeln, Blinden und bettelnden Kindern vorbeifahren... überall trifft man auf krasse Gegensätze. Und mittendrin in dem ganzen Rummel ist in Form der UN, der GTZ, US Aid, und 3000 anderen NGOs die großzügige Hilfe der ganzen Welt omnipräsent.
Nicht zu Letzt auch wegen der vielen Kontakte, die wir hier in kürzester Zeit geschlossen haben, ist dieses Szenario Gedankenfutter für unsere Projektarbeit, die wir demnächst in Akaki und anschließend im Süden des Landes, in Bokasso fortsetzen werden.