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17. Februar 2009 - Von Wadi Halfa nach Khartoum


Die Sonne steht hoch, Abu Simbel ist passiert und langsam steuert unser Kahn das östliche Ufer des Nasser-Stausees an. Das Tor zu Schwarzafrika liegt vor uns. Drei Stunden später haben wir sudanesischen Boden unter den Rädern.
Wir sind sehr gespannt, denn bisher haben wir nur die Einreiseformalitäten auf der Fähre hinter uns gebracht. Die Registrierung bei der Polizei soll in der Grenzstadt Wadi Halfa erfolgen. Was wir hier erleben ist beispielhaft: eine endlose Aneinanderreihung kleiner, bürokratischer Aufgabenstellungen ist zu absolvieren. Wie eine Schnitzeljagd läuft das ab, ein richtiger kleiner Wettstreit zwischen den ankommenden Reisenden (es sind neben uns drei weitere Deutsche, drei Österreicher, drei Tschechen und ein Engländer). Natürlich geben wir uns gegenseitig bereitwillig Ratschläge, wo es als nächstes hingeht, wenn uns unsere Wege im Hof der Polizeistation oder im Kopierladen nebenan kreuzen. Und da die Polizisten keine Gegner sind, sondern sozusagen die Spielleiter, ist die ganze Veranstaltung recht unterhaltsam und geht reibungslos ihren Gang.

Schließlich radeln wir auf nagelneuer Asphaltpiste in den Sonnenuntergang und campieren wenige Meter abseits der Straße unter mondlosem Sternenhimmel.
Am nächsten Tag brechen wir um 7.00 Uhr in der Frühe auf und machen uns auf den weiten Weg in Richtung Khartoum. 900 Kilometer liegen vor uns, ungewisse Straßenverhältnisse und viel, viel Sonne. Die Strecke führt entlang des Nil durch das Land der Nubier, einer der über hundert Stämme des Sudan. Die Gastfreundschaft, die uns hier entgegengebracht wird ist grenzenlos. Wir bekommen eine Stelle am Nil gezeigt, an der wir zwei Meter ins Wasser waten können, ohne ernsthaft Gefahr zu laufen, in Händel mit einem Krokodil zu geraten; wir werden mehrfach an den Dorfstraßenrand gewunken und zum Frühstück gebeten. Wegen des sich prächtig entwickelnden Radelkäses an unseren Füßen etwas verlegen, aber glücklich, nehmen wir die Einladung an und speisen auf dem Boden im Schatten eines Baumes mit drei Männern und ihren Söhnen. Anschließend gibt es den gewohnten stark süßen Tee. Und das alles in einer Seelenruhe und mit einer solch natürlichen Selbstverständlichkeit, dass das Gehoppel von eben auf der sandig-steinigen Piste im Nu vergessen ist.

Dann wiederum heißt es mal wieder schieben, weil die Räder im Sand einfach stecken geblieben sind. Da stehen sie, die 75 Kilo – ganz ohne Laterne oder Ständer...
Nächster Halt: Speichenwechsel; übernächster Halt: Gepäckträgerremontage; überübernächster Halt: Kette kürzen... So setzt die Piste den beiden Rössern ordentlich zu. Und nicht nur ihnen, auch die Reiter bekommen ihr Fett ab: zu den täglichen Strapazen aus Hitze und schmerzendem Rücken kommt erst bei Andi, ein paar Tage später bei mir, eine Magenverstimmung. Bei Andi kann man wohl gut und gerne von einer handfesten Diarrhoe sprechen, die uns drei Tage in unserem improvisierten Wüstenlager hält. Aber auch mein Körper weiß sich nur mit Fieber zu helfen und zwingt uns zu zwei halben Tagen Pause.

So gereinigt treten wir die letzte Teiletappe bis in die Hauptstadt an. Ein letztes Mal soll es quer durch die Wüste gehen, hinein in die Sahelzone, bis nach Khartoum. Ein Kapitel, dass sich ziemlich rasch liest: zwei Tage, 375 km, 17 Stunden Fahrt.
Bei der Einfahrt in die Stadt steigt die Temperatur um gefühlte vier Grad. Wir wühlen uns durch den Verkehr. Die Hotelsuche wird zur Odyssee. Zwar werden wir immer wieder bereitwillig von der einen zur nächsten Absteige geführt, aber alle für uns in Frage kommenden Hotels – ich sag mal: solche aus dem unteren Preissegment – sind voll. Das Auf- und Absteigen ist schon längst das Anstrengendste geworden, wir wollen eigentlich nur noch einen Raum mit Bett und Ventilator. Schließlich müssen wir dafür 30 SDG berappen, das sind ca. 10 Euro für zwei Betten, einen Spiegel, einen Schrank und Duschklo auf dem Stockwerk. Mittlerweile ist es uns das wert geworden und wir tun nur noch eins: Liegen!

In Khartoum selbst gibt es nicht allzu viel Sehenswürdigkeiten. Das kommt uns ganz gut zupass, denn wir sind aus Ägypten noch immer gesättigt. Vielmehr atmen wir hier das Alltagsleben der Hauptstädter. Beispielsweise beim kollektiven Fuulfrühstück im Barackenobergeschoss, mit zwei Meter Raumhöhe.Oder beim scharf gewürzten Kaffee auf einem Plastikschemel am Straßenrand sitzend, bedient von einer Teefrau, die ihr Kohlefeuer mit Wasserkocher samt Gläsern, Tabletts, Büchsen und Zutaten im Schatten einer Mauer oder eines Baumes aufgebaut hat. Den Tee zu 0,5 SDG, den Kaffee zu 1 SDG.

Eines haben wir uns hier allerdings abgewöhnt. Und zwar, das Wasser aus der Leitung zu trinken. Haben wir in den Nubierdörfern noch das kühle Nilwasser aus den Tonkrügen problemlos getrunken (wo kam dann bloß der Durchfall her?), so haben wir hier ziemlich unangenehmes Bauchrumpeln bekommen. Es gluckerte und spannte die ganze Nacht hindurch bei gleichzeitiger Appetitlosigkeit. Nun sammeln sich eben auch bei uns die Plastikflaschen. Aber da wir nach zwei überteuerten Nächten nun nur noch insgesamt 12 SDG pro Nacht bezahlen, ist diese Mehrausgabe zu verkraften.
So verbringen wir die letzten Tage in Khartoum in einer Baracke auf dem Hoteldach. Der Muezzin ruft direkt in unser „Zimmer“fenster und von unseren ägyptischen Nachbarn trennt uns nur eine Sperrholzplatte. Wie man sich vorstellen kann also genau unser Ding!